Raga, Dvesa und die Kirschen in Nachbars Garten
Warum sind die Kirschen in Nachbars Garten immer süßer, größer, besser?
Warum blühen die Blumen überall anders schöner und intensiver?
Warum kann ich die positiven Dinge meines Lebens nicht immer sehen und schätzen?
Ein paar Gedanken dazu aus meiner Sicht und aus dem yogischen Kontext
Der eigene Garten ist ein schönes Sinnbild für unser Leben. Unser Geist lässt uns das Leben durch seine ganz persönliche Brille betrachten, die eingefärbt ist durch die eigenen Erfahrungen und Prägungen. Wir sehen nicht einfach nur unseren Garten, sondern vergleichen, beurteilen und wünschen – und verschieben somit das Gefühl der Zufriedenheit auf die Zukunft, machen es abhängig von den unterschiedlichsten Äußerlichkeiten.
Damit haften wir an. Damit wiederholen wir Dinge, die uns irgendwann oder immer wieder gut getan haben, oder vermeiden, was uns einmal verletzt oder irritiert hat – oftmals ohne zu berücksichtigen, dass sich wahrscheinlich die äußeren Umstände geändert haben.
Raga – das, was wir begehren, woran wir anhaften – und Dvesa – das, was wir ablehnen – sind zwei mögliche Ursachen von Leid. Patanjali beschreibt sie in seinem Yoga Sutra (Sutra 2.7 und 2.8), und sie begegnen uns immer wieder.
Was hat das jetzt wieder mit der inneren Unzufriedenheit zu tun, der ständigen Suche nach höher, größer, schöner, besser?
Vielleicht mehr, als wir auf den ersten Blick denken.
Denn wenn wir immer wieder nach dem suchen, was noch schöner, größer, besser sein könnte, was uns noch mehr vermeintliches – und meist schnell wieder vergehendes – Glück bringt, übersehen wir leicht das, was bereits ist.
Wir schauen in Nachbars Garten und sehen die süßeren Kirschen und schöneren Blumen und übersehen dabei, was in unserem Garten gerade wächst. Und wir sehen nur das mit unserer Brille gefärbte Bild von Nachbars Garten, denn was von außen perfekt aussieht, ist in Wirklichkeit oft gar nicht besser.
Und obwohl wir innerlich längst wissen, dass das so nicht funktioniert, machen wir es trotzdem. Wir vergleichen. Wir suchen. Wir wünschen. Wir bewerten. Wir laufen dem nächsten Besseren hinterher.
Manchmal ist es einfach bequemer und einfacher, den Blick nach außen zu richten, als nach innen zu schauen. Denn Innenschau kann wehtun. Wir begegnen Gefühlen, die wir lieber nicht spüren wollen, alte Verletzungen oder auch Seiten an uns, die wir gerne verdrängen.
Die Suche nach etwas, das uns für einen Moment gut fühlen lässt, setzt sich fort, der nächste Reiz, die nächste Ablenkung, der nächste Kick.
Warum? Und wie kommen wir da raus?
Abstand. Einen Moment zurücktreten. Wahrnehmen, was gerade passiert. Beobachten, ohne sofort zu bewerten oder zu reagieren. Erkennen: Da ist ein Wunsch. Da ist ein Vergleich. Da ist Ablehnung.
Und dann loslassen.
Nicht unbedingt die Situation selbst. Und schon gar nicht unsere Verantwortung, etwas zu verändern, wenn es ansteht. Sondern das Festhalten daran, wie es sein sollte. Die Vorstellung, die Erwartung, den Wunsch.
Das zweite Niyama in Patanjalis Yoga Sutra (Sutra 2.32) ist Santosha, die Genügsamkeit oder Zufriedenheit.
Das bedeutet nicht, dass durch das Loslassen plötzlich alle Probleme verschwinden. Es bedeutet auch nicht, dass wir keine Wünsche mehr haben dürfen. Es bedeutet vielmehr, dass wir unseren gegenwärtigen Zustand nicht ständig abwerten sollten, nur weil er nicht dem eigenen Ideal entspricht. Manchmal ist unser eigener Garten tatsächlich verwildert und pflegebedürftig und wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen. Dann geht es nicht darum, sich einzureden, dass alles schön und gut ist. Wir dürfen und sollen unseren Garten pflegen und gestalten, aber ohne unseren inneren Frieden davon abhängig zu machen, dass er irgendwann vollkommen aussieht.
Es geht zunächst darum, zu sehen, was wirklich da ist. Und aus diesem Abstand heraus den nächsten Schritt zu erkennen. Etwas verändern. Hilfe annehmen. Etwas loslassen. Oder einfach nur den nächsten kleinen Schritt gehen.
Leider können wir nicht immer bestimmen, was in unserem Garten wächst. Aber wir können lernen, bewusster mit dem umzugehen, was uns dort begegnet.
Und genau in diesem kleinen Moment des Innehalten entsteht die Möglichkeit, wieder anders zu schauen.
Zurück in den eigenen Garten. Nicht um zu bewerten, sondern zu sehen, was da ist – und in Achtsamkeit, Bewusstheit und Eigenverantwortung weiterzumachen. Das Leben zu leben.


