Der Sonnengruß – Alte Tradition oder moderne Entwicklung?

Die Sonne zu begrüßen ist auch im yogischen Kontext eine alte Tradition. Hier ist allerdings nicht in erster Linie der Sonnengruß Surya Namaskar gemeint, der heute in vielen Yogastudios täglich unterrichtet und geübt wird, sondern wirklich die Verehrung der Sonne, die gerne als Sinnbild herangenommen wird für unser reines absolutes Bewusstsein, unser SEIN. In der alten vedischen Tradition (ca. 1500 bis 500 v. Chr.) bedeutete die Sonne zu grüßen eine Art innere Verneigung und Ausrichtung. Erst später, ab ca. 500 v. Chr., treten in verschiedenen Traditionen körperliche, vollständige Niederwerfungen auf unterschiedlichste Art auf, die aber noch lange nichts mit dem bei uns bekannten „modernen“ Sonnengruß zu tun haben.

Der Sonnengruß Surya Namaskar, wie wir ihn heute kennen, ist erst in einer Zeit entstanden, als der Körper als Trainingsinstrument immer mehr in den Vordergrund gestellt wurde, im Umfeld des indischen Ringens und der Kampfkunst. Laut Prasad Rangnekaar, meinem Lehrer, ist es wichtig zu beachten, dass dies nicht ohne spirituellen Hintergrund geschah, denn in Indiens Kultur gab es nie eine strikte Trennung zwischen körperlicher Ertüchtigung, spiritueller Disziplin, Ethik und innerer Kultivierung. Körperliche Übungen galten stets als Gebet an Hanuman (hinduistische Gottheit mit der Gestalt eines Affen) – als spirituelle Praxis an sich (Sadhana).

Mit Bhavanrao Pratinidhi Pant (1868 – 1951), auch Aundh in India genannt, nahm dann ab Beginn des 20. Jhdts. der Surya Namaskar seinen Aufschwung und wurde später von vielen Gurus wie T. Krishnamacharya oder Swami Sivananda aufgegriffen und weiterentwickelt. Hier ist ein Link zu Bhavanrao’s Surya Namaskar – https://www.youtube.com/watch?v=aYcwS2ePkMw

Nachdem immer wieder Fragen zum Sonnengruß auftauchen, war es mir einmal ein Bedürfnis, dieses Thema zu beleuchten. Meine ersten Berührungspunkte mit Yoga enthielten sehr wohl die Praxis des Sonnengrußes. Er war für mich damals integraler Bestandteil und nicht wegzudenken. Im Rahmen meiner yogischen Weiterbildung in der Yogalehrer:innen-Ausbildung fiel er dann für eine lange Zeit aus meiner körperlichen Praxis heraus, nicht zuletzt wegen des ablehnenden Zugangs meines damaligen Lehrers. Heute sehe ich die Dinge anders und ich denke, dass Surya Namaskar durchaus auch in der Yogapraxis seine Berechtigung hat, nicht unreflektiert, sondern achtsam und auf die eigenen Grenzen bedacht und im Optimalfall immer mit dem Bewusstsein, wofür die Sonne steht und in Dankbarkeit für das Leben.